Die Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas gehörte jahrzehntelang zu jenen vergessenen Opfergruppen, deren Schicksal und Leid unter dem NS-Regime in der öffentlichen Erinnerung lange Zeit verdrängt worden ist.
Mitglieder der AG „Kriegsgräber“ haben gemeinsam mit Falk Bersch und dem Bürgermeister der Stadt Wesenberg dafür gesorgt, dass heute dort drei Stolpersteine durch Gunter Demnig verlegt worden sind.
Diese Stolpersteine erinnern an Frieda und Johann Winks sowie an Paul Kracht.
Frieda Winks, geborene Kracht, wurde 1899 in Wesenberg geboren und war Arbeiterin. 1925 ließ sie sich als Bibelforscherin taufen. Die Bibelforscher nannten sich ab 1931 Zeugen Jehovas.
Johann Winks wurde 1891 in Karkelbeck/Kreis Memel geboren. Er trat 1925 aus der Kirche aus und ließ sich als Bibelforscher taufen. Johann Winks war Zimmermann.
Frieda und Johann Winks heirateten 1918 in Wesenberg und hatte fünf Kinder.
Im Februar 1937 wurden Frieda und Johann Winks vom Schweriner Sondergericht angeklagt und wegen Organisation und Teilnahme an Zusammenkünften der Glaubensgemeinschaft und des Besitzes von Literatur verurteilt: Johann Winks zu einem Jahr, Frieda Winks zu neun Monaten Gefängnis.
Auch in der DDR wurden Frieda und Johann Winks wegen ihrer Tätigkeit bei den Zeugen Jehovas verfolgt. Johann wurde dafür zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt. Das Paar siedelte in den 1950er Jahren in die BRD über.
Paul Kracht
Paul Kracht wurde 1901 in Wesenberg geboren. Er war Arbeiter und ehemals KPD-Mitglied. Er beschäftigte sich vor seiner Verhaftung intensiv mit der Religion seiner Mutter und der Familie seiner Schwester Frieda Winks, die Zeugen Jehovas waren.
Paul Kracht soll ein lebensfroher Musiker gewesen sein. Er spielte vorzüglich Geige und trat oft bei Hochzeiten auf.
Nach Aussagen einer Familienangehörigen soll er von einer Frau denunziert worden sein. Am 5. Februar 1937 wurde er in Neustrelitz zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Belegt ist, dass Paul Kracht am 4. März 1938 ins Konzentrationslager nach Sachsenhausen in sogenannte „Schutzhaft“ überführt wurde. Am 30. Juni 1938 kam er aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen ins Polizeigefängnis nach Neustrelitz. Noch am selben Tag ist Paul Kracht dann am Nachmittag aus dem Polizeigefängnis Neustrelitz in die Heilanstalt Domjüch verschleppt worden. Nach Aussagen einer Nichte von Paul Kracht, soll er in der Haft schwer misshandelt worden sein.
Paul Kracht starb am 9. Juli 1938 in der Heil- und Pflegeanstalt Domjüch bei Neustrelitz.
Nach der Stolpersteinverlegung konnten die Mitglieder der AG die ehemalige Stasi-Haftanstalt in Neustrelitz besuchen. Nach einer Führung über das Außengelände erhielten die Jugendlichen die Gelegenheit, sich über Schicksale der hier inhaftierten Männer und Frauen zu informieren. In den beklemmenden Zellen spürten alle, wie wichtig Freiheit und das Recht auf Selbstbestimmung sind.
Auf dem Rückweg gab es dann noch einen letzten Stopp an der Gedenkstätte KZ-Außenlager Retzow-Rechlin.
Im Zweiten Weltkrieg befand sich in Retzow-Rechlin ein KZ-Außenlager. Im Sommer 1944 wurden männliche Häftlinge aus einem Außenlager des KZ Sachsenhausen, den Heinkel-Werken, nach Retzow verlegt. Sie mussten auf dem Lärzer Flugfeld Zwangsarbeit leisten. Anfang Februar 1945 wurden sie wahrscheinlich in ein anderes Lager deportiert. Wenige Tage später kamen weibliche Häftlinge aus dem Konzentrationslager Ravensbrück nach Retzow-Rechlin. Die Zahl schwankte zwischen 1.500 und 3.000 Frauen und Mädchen. Sie wurden gezwungen, Schützengräben auszuheben sowie Start- und Landevorrichtungen auf dem Flugfeld auszubessern.
Seit 2020 ist die Gedenkstätte umfangreich saniert worden. Umrisse der fünf Baracken wurden freigelegt und ein neuer Weg gepflastert. Tafeln informieren über die Vorgeschichte, das Leben im Lager, über Zwangsarbeit, den Todesmarsch und die Befreiung am 2. Mai 1945.
Das Stolpersteinprojekt und dieser unvergessliche Tag wurden vorbereitet, organisiert und unterstützt von der AG „Kriegsgräber“, Falk Bersch, der Stadt Wesenberg und in Kooperation von Volksbund und Bundeswehr.
Stolpersteinverlegung in Wesenberg
Autorin
Petra Klawitter
p.klawitter@schule-mv.de
















